Eine kurze Zusammenfassung
Drei offene Wunden Irans: Vom Islam über die Revolution von 1979 bis zur historischen Selbstverantwortung
Hanif Hidarnejad- Seit den massiven Tötungen von Demonstrierenden Mitte Januar 2026 wird in deutschen Medien – in Nachrichtenberichten ebenso wie in Radio- und Fernsehdiskussionen mit Expertinnen und Experten oder in Podcasts – die schlechte wirtschaftliche Lage Irans meist als Hauptursache der sozialen Unzufriedenheit genannt. Ergänzend wird auf Korruption, staatliche Ineffizienz sowie gelegentlich auf internationale Sanktionen verwiesen. Doch reichen diese Faktoren tatsächlich aus, um zu erklären, warum Tausende Menschen bereit sind, ihr Leben zu riskieren und getötet zu werden? Und warum richten sich Proteste, die scheinbar mit wirtschaftlichen Forderungen beginnen, so rasch gegen das politische System und den religiösen Führer des Landes? Nach Informationen aus einem Netzwerk von Ärztinnen und Ärzten innerhalb Irans wird die Zahl der Todesopfer der Proteste im Dezember 2025 und Januar 2026 auf zwischen 16.500 und 18.000 geschätzt. Endgültige Zahlen liegen bislang nicht vor. Die Zahl der Verletzten wird auf rund 330.000 beziffert. Allein in den letzten Tagen des Monats Januar suchten etwa 7.000 Menschen mit Augenverletzungen ein spezialisiertes Krankenhaus in Teheran auf; in 700 Fällen führte dies zur vollständigen Entfernung des Auges. Diese Verletzungen entstanden durch den Einsatz von Schrotgewehren – und das innerhalb eines Zeitraums von lediglich vier Tagen. (Letzter Informationsstand bis zum 24. Januar 2026: mindestens 33.000 Tote, 24.000 Augenverletzungen, 1.000 Augenentfernungen sowie Hunderte von Hinrichtungen unter festgenommenen Demonstrierenden.) Der Leiter des Farabi-Augenkrankenhauses in Teheran erklärte, dass im Verlauf der jüngsten landesweiten Proteste bis Samstag, den 20. Dey, rund 1.000 Personen eingeliefert worden seien, die eine notfallmäßige Augenoperation benötigten. Ökonomische Gründe können zweifellos Auslöser und erste Zündfunken von Protesten sein. Doch die Ursachen gehen tiefer. Es geht nicht nur um einen Regierungswechsel oder um eine bloße Veränderung des politischen Systems. In diesem Beitrag versuche ich, aus einer analytischen und zugleich kompakten Perspektive drei große historische Wunden Irans zu benennen – Wunden, die nie verheilt sind und deshalb immer wieder aufbrechen. Unabhängig vom konkreten Anlass der Proteste erzeugen sie neue Wellen gesellschaftlicher Wut und Rebellion. Es sind drei tiefe Bruchlinien, mit denen sich die iranische Gesellschaft in einem historischen Prozess der „Abrechnung“ auseinandersetzt. Erste Wunde Abrechnung mit dem Islam/ Islamismus Viele Iranerinnen und Iraner – insbesondere aus der jungen und mittleren Generation – sehen die heutige Situation Irans als Folge der arabisch-muslimischen Eroberung vor rund 1.400 Jahren. In dieser Lesart wurde der Islam dem Iran mit Gewalt aufgezwungen: durch das Schwert, durch Massaker, Einschüchterung, die Versklavung von Frauen, die Tötung von Männern und durch Blutbäder überall dort, wo Widerstand geleistet wurde. Diese militärische Niederlage führte für mehrere Jahrhunderte zu einem kulturellen und zivilisatorischen Niedergang Irans. Die damit verbundene historische Demütigung ist bis heute im kollektiven Gedächtnis präsent. Viele Iraner*innen betrachten den Islam als unvereinbar mit Entwicklung und Moderne und sind überzeugt, dass seine Dominanz den Iran vom globalen Fortschritt abgeschnitten hat. Aus dieser Perspektive gilt die Islamische Republik, die 1979 an die Macht kam, als historische Fortsetzung jener Eroberung. Entsprechend wird sie als „Besatzungsregime“ wahrgenommen – eine Sichtweise, die sich im Slogan „Wir holen uns Iran zurück“ widerspiegelt. Dieses kollektive Bewusstsein hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt und zu einem Aufschwung des Iran-Nationalbewusstseins geführt: die Hinwendung zu nationalen Symbolen, epischer Dichtung, Besuche historischer Stätten, die Wahl altiranischer Vornamen für Kinder sowie die zunehmend öffentliche und ausgelassene Feier nationaler Gedenktage mit Tanz und gemischtgeschlechtlicher Teilnahme. In den letzten Jahren ist zudem eine offene Verhöhnung des Islams zu beobachten. Witze und Videoclips über Allah, Mohammed und schiitische Imame verbreiten sich weitläufig – etwas, das früher kaum vorstellbar gewesen wäre. Dieses Phänomen beschränkt sich nicht auf bestimmte soziale Schichten, sondern reicht bis in traditionell geprägte Milieus hinein. Häufig wird versucht, diese Entwicklung als bloße Ablehnung des „politischen Islams“ zu interpretieren. Doch war der Islam nicht von Beginn an – spätestens nach Mohammeds Etablierung in Medina – auf politische Macht ausgerichtet? Wurde seine Ausbreitung nicht durch Kriege vorangetrieben? Umfasste er nicht Gesetzgebung, Rechtsprechung und die Durchsetzung von Normen in allen Lebensbereichen – von Geburt bis Tod? Haben islamische Herrschaftssysteme nicht Legislative, Exekutive und Judikative zugleich beansprucht und ihre Legitimation aus Koran und Prophetenbiografie abgeleitet? Unter dieser Perspektive lässt sich- Meiner Meinung nach -argumentieren, dass der Islam von Anfang an politisch war. 47 Jahre islamischer Herrschaft in Iran haben dazu geführt, dass große Teile der Bevölkerung zwischen Islam und politischem Islam keinen Unterschied mehr machen – eine Realität, die sie täglich erfahren und für die sie keine theoretische Debatte benötigen. Wenn die Revolution von 1979 eine „Islamische Revolution“ war, dann ist die Revolution, die heute im Iran im Gange ist, eine Revolution (mit Betonung auf der nationalen, historischen und kulturellen Identität), die zugleich „säkular-demokratisch“ ausgerichtet ist und die Trennung von Religion und Staat fordert. Diese Revolution richtet sich gegen den politischen Islam und vertritt die Auffassung, dass Religion – gleich welcher Art – eine private Angelegenheit ist und dass ein Land keine offizielle Religion haben sollte. Der Besitz oder Nichtbesitz eines Glaubens darf kein Privileg darstellen und niemanden über andere erheben. Der Erfolg der Iranerinnen und Iraner im Kampf gegen den politischen Islam würde nicht nur Iran selbst retten, sondern könnte – aufgrund der historisch-kulturellen Ausstrahlung politisch-gesellschaftlicher Entwicklungen in Iran auf die Länder der Region – den Beginn eines neuen Abschnitts markieren. In dessen Verlauf würde der Islamismus auch in anderen Ländern geschwächt, während die Hinwendung zu Säkularismus, Demokratie und menschenrechtlichen Werten, insbesondere zur Freiheit der Frauen, deutlich gestärkt würde. Der Erfolg einer Revolution im Iran könnte selbst in europäischen Ländern und in Nordamerika, wo der Islamismus in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren deutlich an Einfluss gewonnen hat, den Nährboden für diese Strömung in erheblichem Maße austrocknen. Der Sieg einer Revolution im Iran würde weltweit umfangreiche gesellschaftliche, mediale und akademische Debatten auslösen. Nach einer kurzen Übergangsphase könnten die Folgen einerseits in einem Erstarken säkular-demokratischer Kräfte in islamisch geprägten Ländern bestehen, andererseits aber auch darin, dass alle Kräfte, die Islam und Islamismus propagieren, mit tiefgreifenden und ernsthaften Herausforderungen konfrontiert würden. Kurz gesagt: Der Sieg der Revolution im Iran und das Begräbnis der Islamischen Republik würden ein neues Kapitel in der Weltgeschichte aufschlagen – ein Kapitel, in dem Terrorismus und Islamismus immer weniger Raum zur Entfaltung hätten und stattdessen Frieden, Freundschaft, friedliches Zusammenleben und kultureller Austausch nachhaltig gestärkt würden. Zweite Wunde Die Revolution von 1979 und die „Siebenundfünfziger (Pandja ho Hafti ha)“ Als „Siebenundfünfziger“ werden jene bezeichnet, die an der Islamischen Revolution von 1979 beteiligt waren, die Gründung der Islamischen Republik verteidigen und ihren Werten weiterhin noch treu blieben. (Nach dem iranischen Kalender ist die islamische Revolution im Jahr 1357 passiert. Daher wird diese Generation - auf Persisch - als „Pandja ho Hafti ha(57er)“ bezeichnet.) Große Teile der heutigen jungen und mittleren Generation betrachten jene Generation, die 1979 das Pahlavi-System stürzte und den Weg für die Islamische Republik ebnete, als verantwortlich für die Zerstörung ihrer eigenen Lebensperspektiven und für den heutigen Zustand des Landes. Innerhalb dieser Revolutionsgeneration gibt es Menschen, die die Revolution als Fehler begreifen und sie offen kritisieren. Andere jedoch verteidigen sie bis heute. Diese Gruppe ist häufig geprägt von Antiamerikanismus, Antiisraelis, Antisemitismus, Ablehnung der Pahlavis, Geringschätzung der vorislamischen iranischen Geschichte, und Feindschaft gegenüber individueller Freiheit und einem liberalen Lebensstil. Anhänger der Pahlavis führen die Revolution von 1979 auf das „rote und schwarze Bündnis“ zurück: schiitische Geistlichkeit und ihre Anhänger einerseits, marxistisch geprägte linke Kräfte andererseits. Ihrer Ansicht nach existiert ein ähnliches Bündnis heute erneut – diesmal vereint im Widerstand gegen Reza Pahlavi – und trägt damit indirekt zum Fortbestand der Islamischen Republik bei. Heute stehen sich Iran-Nationalisten und Pahlavi-Anhänger auf der einen Seite und die „Siebenundfünfziger“ auf der anderen Seite in einer offenen Konfrontation gegenüber. Diese tiefe Spaltung macht jede Form der Zusammenarbeit – vor oder nach einem möglichen Übergang – nahezu unmöglich. In diesem Zusammenhang lässt sich die Konfrontation der jungen iranischen Generation mit den „Siebenundfünfzigern“ mit dem Generationenkonflikt im Nachkriegsdeutschland vergleichen. Dort forderte die sogenannte 68er-Bewegung von der Elterngeneration eine moralische Verantwortung für den Nationalsozialismus, Krieg und Holocaust ein. Ähnlich fragen junge Iraner heute: Wie konntet ihr diese Revolution ermöglichen – und warum verteidigt ihr sie trotz ihrer Folgen noch immer? Dritte Wunde Abrechnung mit dem „historischen Selbst“ Die Neigung, die Verantwortung für eigene Probleme anderen (insbesondere ausländischen) Mächten zuzuschreiben, ist ein bekanntes Muster der iranischen politischen Kultur. Der Satz „Das war das Werk der Engländer“ steht exemplarisch für eine Verschwörungsmentalität, die es erlaubt, individueller und kollektiver Verantwortung auszuweichen. Die lange Dauer der Islamischen Republik scheint jedoch zunehmend zu einer Abkehr von diesem Denkmuster zu führen. Fragen wie „Warum habe ich zugelassen, dass es so weit kommt?“ oder „Warum haben wir nicht früher gehandelt?“ gewinnen an Raum – zunächst individuell, dann kollektiv. Diese „Warum ich?“-Fragen wandeln sich allmählich zu „Warum wir?“. Sie markieren den Beginn einer selbstkritischen Haltung. Auch wenn dieser Prozess noch nicht von einer tiefen theoretischen und gesellschaftlich breit getragenen Reflexion begleitet wird, ist er in den unteren Schichten des kollektiven Bewusstseins klar erkennbar. Sollte diese Selbstkritik die emotionale Phase – geprägt von Wut, Schuldzuweisungen, Vorurteilen und Aggression – überwinden und eine rationale Ebene erreichen, könnte sie zu einem entscheidenden Faktor für die Demokratisierung des Irans nach der Islamischen Republik werden. Schlussfolgerung Ausgehend von dem, was oben dargelegt wurde, lässt sich gut vorstellen, dass die Menschen in Iran nicht zur Ruhe kommen werden, solange die Islamische Republik nicht gestürzt ist. Die brutale Unterdrückung der Demonstrierenden, Inhaftierung, Folter, Vergewaltigung und die Tausenden von Toten können den Aufstand der Iraner*innen für die „Rückeroberung Irans“ zwar verzögern, aber nicht aufhalten. Bis dahin wird sich der Prozess der Auseinandersetzung mit den historischen Wunden weiter vertiefen und ein differenzierteres Verständnis der zugrunde liegenden „Warum“-Fragen ermöglichen. Ein Prozess, der zweifellos den Willen und die Entschlossenheit der Iranerinnen und Iraner bei dem Kampf gegen die Islamische Republik sowie zur Wiederbelebung der kulturellen und historischen Identität Irans und der menschlichen Würde weiter stärken wird. |